Interview mit Remi

Interview mit Remi

Beitrag vom 24. Aug, 2015 von in Allgemein | Feature | Interviews

Remi kommt aus Melbourne und entrümpelt mit seiner Kreativität und seiner Freigeistigkeit den angestaubten australischen HipHop. Als bester Newcomer des Landes auszgezeichnet und mit dem Free-Mixtape “Call It What You Want” im Gepäck, zog es den 23-Jährigen zu Beginn des Sommers nach Europa, wo er auf Festivals und als Voract von Doomtree lässig und in überzeugender Manier seine Visitenkarte abgab. Wir sprachen mit Remi über Open-mindedness, die australische Rap-Szene, das eigene Steigerungspotenzial sowie Rassismus und Revolution.


Wie wichtig ist es kreativ aufgeschlossen zu bleiben? Es unterscheidet dich und deinen Produzenten Sensible J schon vom Rest, wenn ihr Nick Cave, Radiohead, Can, Hiatus Kaiyote, Tool und The Police samplet.

Open Mindedness ist für mich der Schlüssel, um auf Dauer relevant zu bleiben. Ich denke, dass viele meiner Fans, der gelegentlichen Hörer und auch meiner Freunde wesentlich mehr als nur ein Genre hören. Musik kommt von überall her und HipHop dominiert die Musik weltweit schon seit einer Weile. Diese Einflüsse finden sich in der Musik auf jeden Fall wieder. Auf dem Kendrick-Album sieht man das besonders. Da waren als Produzenten Hardcore Jazz-Cats dabei und das Ding ist richtig wild geworden. Ich garantiere, dass die Hälfte der HipHop-Szene das Album nicht nicht verstanden hat. Außerdem ist HipHop das in sich am weitesten aufgefächerte Genre, denn man kann buchstäblich über alles rappen, egal ob es Beats hat oder nicht. Und so ist es auch recht einfach seine eigene Stimme und seinen eigenen Sound zu finden.


Es fällt auf, dass du sowohl klassischen Boom Bap als auch aktuelle Sounds, wie zum Beispiel Trap, in deinen Produktionen aussparst.

Ja, ich denke, dass es überall auf der Welt das Gleiche ist. Man hört einen Trap-Song aus den Staaten und denkt, das ist geil, das will ich auch. Und dann baut J einen Trap-Beat und ich rappe drüber und dann machen wir das Ding fertig für den Release und alles und wenn es dann raus kommt, ist es anderthalb Jahre alt und hat einen Sound, der vor anderthalb Jahren tight war. Aber wir sind nicht wirklich gut darin, solche Momente einzufangen. Wir machen deshalb unseren eigenen Kram. Es ist einfacher, wenn man seine eigene Spur auf dem Highway hat. (lacht)

Es ist nicht gerade üblich für Rapper zuzugeben, dass sie mit ihren Skills noch nicht am Ende ihrer Entwicklung sind. Du gehst damit aber sehr offen um, wie kommt das?

Also, ich mache das auch erst eine sehr kurze Zeit, seit ich 19 bin. Und es ist wie mit allem anderen auch, in das man viel Zeit investiert, man wird immer besser. Und außerdem denke ich, dass der Großteil meiner Lieblingsrapper das gleiche denkt. Kaum einer dürfte schon an dem Punkt sein, wo er alles gelernt hat und sich nicht mehr weiter entwickeln kann. Wahrscheinlich ist das wirklich unüblich, das laut auszusprechen, aber ich versuche so authentisch wie möglich zu sein. Ich schäme mich nicht dafür. Wenn Leute denken, dass sie sich nicht mehr weiter entwickeln können, dann ist das schön für sie, aber ich möchte immer das nächste Level erreichen. Ich weiß, wie Sachen klingen sollen, aber bisher habe ich das einfach noch nicht lange genug gemacht, um alles zu können, was ich können möchte.

Es war außerdem zu lesen, dass du immer noch auf der Suche nach deiner Message und deiner eigenen Ausdrucksweise bist. Wie kommst du da voran?

Ich glaube so langsam komme ich an den Punkt, an dem ich weiß, was ich repräsentieren will. Die Leute sagen immer, man soll entweder ein Gangsta-Rapper sein oder ein Conscious-Rapper oder ein Backpack-Rapper. Und ich weiß, ich wäre ein sehr guter Gangsta-Rapper, ebenso wie ich Sachen schreiben kann, die die Menschen berühren oder eben auch politisch was zu sagen habe, oder eben Partysongs machen kann und alles dazwischen. Ich möchte nicht nur eins sein, sondern alles gleichzeitig. Ich denke das ist der beste Weg. Es ist ja auch nicht so, dass ich nur einen Einfluss habe, also zum Beispiel nur 90s HipHop mag. Es ist wie bei Kendrick Lamar, man hört die verschiedensten Einflüsse aus seiner Musik raus, egal ob G-Funk oder Jazz oder so vieles anderes noch, das kommt auch nicht alles aus einer Schublade und das Ergebnis passt auch nicht in nur eine.

Erzähl uns ein wenig über die australische HipHop-Szene. Denn in Deutschland sind bisher nur wenige Künstler überhaupt bekannt, wie Illy, Seth Sentry und Hilltop Hoods.

Deine Beispiele machen schon deutlich, dass die australische HipHop-Szene schon eine sehr stark von weißen Männern dominierte Szene ist. Das heißt natürlich nicht, dass anderen Rassisten sind, sondern das ist einfach der Bevölkerung Australiens geschuldet, die größtenteils weiß ist. Aber die Szene öffnet sich mehr und mehr multikulturellen Einflüssen, auch musikalisch. Bisher gab es hauptsächlich eher den Throwback-Stuff oder radiofreundliche Sachen, die höchstens mal von einer regionalen Experimentierfreude aufgelockert wurden. Insgesamt ist die Szene noch sehr jung und natürlich vor allem US-amerikanisch geprägt, aber vor allem die regionalen kleinen Szenen entwickeln sich mittlerweile eigenständig. Das nächste große Ding wird meiner Meinung nach Baro.

Du kommst aus einer Mittelschicht-Familie und warst auf einer Privatschule. Bist du mit deinem Weg eine Ausnahme unter den HipHop-Künstlern Australiens?

Nein, die Mittelschicht ist stark in Australien. Das heißt natürlich nicht, dass Armut und schlechte Lebensumstände nicht existieren. Aber man kann glaube ich schon sagen, dass das Geld der Eltern vielen HipHop-Künstlern am Anfang geholfen hat. Bei mir war das nicht der Fall, ich habe mich immer dagegen gewehrt und ich habe auch viele Freunde und Fans, die es nicht so gut getroffen haben wie ich, die entweder kein Geld haben, oder psychische Probleme oder sonstige Hürden in ihrem Leben. Meine Eltern waren beide Doktoren und Bildung spielte bei uns immer eine enorm große Rolle. Ich kann mich glücklich schätzen diese genossen zu haben und auch immer was zu essen auf dem Tisch gehabt zu haben, aber als Schwarzer in der australischen HipHop-Szene, da gibt es für mich noch so viel zu sagen und das Wort zu erheben für meine Leute.


In der Vergangenheit war Rassismus in deiner Musik ein wichtiges Thema. Ist das noch ein großes Problem in Australien?

Ich denke es ist ein Problem wie überall anders auch. Es ist schon so, dass ich häufig gefragt werde, wo ich herkomme, auch in Australien auf der Straße. Und wenn ich dann Australien antworte, dann gibt’s große Augen. Aber es ist ein grundsätzliches Problem, dass diejenigen die in Machtpositionen sitzen auf Minderheiten zeigen können, egal ob es um Hautfarbe oder Religion oder sonst was geht und somit die weniger reflektierten Menschen manipulieren. Nach 9/11, wo wirklich schlimme Dinge passiert sind, wurden systematisch allen, die anders sind, nach und nach die Türen verschlossen. Wenn ich lese, das aus Syrien 200.000 Menschen in die Türkei fliehen, aber es ihnen so schwer wie möglich gemacht oder auch einfach nur nicht geholfen wird, dann ist das eine Kriegserklärung an diese Menschen. Das ist wirklich widerlich.

Wie kann man daran etwas ändern?

Das Internet ist ein Segen und ein Fluch gleichermaßen, aber es gibt den Menschen die Macht zurück, ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Wie zum Beispiel bei den Polizeiübergriffen und Tötungen in den USA. Das ist schon immer passiert, aber jetzt kriegt die Welt es mit und alle sprechen drüber. Es liegen ein paar interessante Jahrzehnte vor uns und wir werden sehen, wo der der Breaking Point der Menschen ist, ab wann sie beginnen, wirklich etwas zu verändern. In Australien gab es hier und da schon ein paar Aufstände, aber nichts wirklich Großes. Ich würde mir wünschen, es passiert mal so eine große Umwälzung wie zur Französischen Revolution.

Obwohl die ja auch nur den „mittellosen weißen Männern“ geholfen hat und nicht den Frauen.

Ja, das stimmt und auch hier spielt das Internet eine große Rolle. Viele von meinen feministischen Freunden haben hier ein Sprachrohr gefunden. Vor allem für die Frauen unter ihnen ist es wichtig mitzuteilen, wie sie Sachen sehen und wie sie damit umgehen. Vor zehn Jahren hatten wir die Diskussionen noch nicht, wie wir sie heute haben, weil diese Sichtweise im Prinzip kaum existiert hat. Jetzt haben die Frauen die Möglichkeit für alle Welt sichtbar darauf hinzuweisen, wenn Männer sich widerlich verhalten. Und so wird das Thema auch immer mehr ein Thema in den etablierten Medien. Also, ich wünsche mir eine Art Französische Revolution, die allen Menschen zugute kommt.

Würdest du dich als „Feminist“ bezeichnen?

Ja, ich denke schon, aber das ist für mich als Mann schwer zu sagen. Ich weiß auch gar nicht wirklich, wo ich mich innerhalb des Feminismus positionieren würde. Ich denke, dass ich mich einfach noch nicht genug unter Feministinnen bewege und mich nicht genug in feministischen Gruppen engagiere, um mich einen fehlerfreien Feministen zu nennen. Aber ich glaube ganz stark an die Kraft der Frauen und an die Gleichberechtigung. Deswegen rappe ich auch auf „Ode to ignorance“ auch: „if you ain’t male and caucasian you ain’t shit“. Ich sage das, weil als ich einmal nach Hause kam und die Nase voll hatte von dem ganzen mich umgebenden Rassismus, da sagte meine (Anm. d. Red: weiße) Mutter, dass sie gut nachempfinden könne, wie es mir geht. Ich fragte sie verärgert, wie sie so etwas sagen könne und sie antwortete, dass sie als Frau in einer von Männern dominierten Industrie arbeite. Das hat mich echt umgehauen, denn Unterdrückung ist eben Unterdrückung. Von diesem Moment an sah ich die Dinge um mich herum mit ganz anderen Augen.

https://www.facebook.com/RemiKolawoleMusic
https://remi1.bandcamp.com/
https://www.youtube.com/channel/UCSO6UaCgUebVeM_Yz-HO7YQ


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3 Kommentare zu “Interview mit Remi”

  1. Rap Beats

    06. Okt, 2015

    Schönes Interview

  2. Beats for sale

    17. Jun, 2016

    Danke für das Interview!

  3. Subwoofer Test

    03. Jul, 2016

    Gutes Interview !

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