Interview mit Brother Ali

Interview mit Brother Ali

Beitrag vom 05. Apr, 2015 von in Allgemein | Interviews | Lifestyle | Videos

Brother Ali veröffentlicht mit „Mourning In America And Dreaming In Color“ (VÖ: 21.09.12) sein bisher gesellschaftskritischstes Album. Auf der verfrühten Tour zum Album im Mai 2012 trafen wir Ali zu einem intensiven Gedankenaustausch, der nur für die Promoter als Interview getarnt war. Thema war die Todesfatwa gegen den iranischen Rapper Shahin Najafi, weil dieser mit seinem Song „Naqi“ den zehnten Propheten der schiitischen Muslime beleidigt haben soll. Dafür wurde er von Großajatollah Scheich Lotfollah Safi Golpayegani für tötungswürdig befunden und allen, die dessen Rechtsauffassung als bindend erachten, stand es frei, Najafi straffrei zu töten. Brother Ali, amerikanischer Moslem und humanistischer Gesellschaftskritiker betrachtete diesen Vorfall für uns aus seiner eigenen Perspektive: Zensur bleibt Zensur bleibt Zensur, in Iran und den USA.

Interview: Georg
Foto: Jeff Henriksen
Links: Ali@Rhymesayers, Facebook, Twitter

Was denkst du über die Todesfatwa gegen Shahin Najafi?
Dieses Thema hat viele verschiedene Dimensionen, es gibt viel zu entpacken. Zu allererst einmal sagt das eine ganze Menge über die Kraft von HipHop aus. HipHop hat schon immer den Unsichtbaren, den Ungehörten eine Stimme gegeben. HipHop artikuliert die populären Gedanken derer, die keinen Zugang zur Mainstream-Diskussionen finden. Ich bin mir also ziemlich sicher, dass viele Menschen das Gleiche über diesen speziellen Imam denken, nur keine Möglichkeit haben, darüber zu sprechen und damit Gehör zu finden. Aber dieses Thema in den HipHop-Musik zu bringen, kreiert einen Vier-Minuten-Clip, den jeder jederzeit hören kann und somit können diese Gedanken eine schnell eine gewisse Popularität entwickeln. Diese Kraft ist das Schöne an HipHop, aber es ängstigt die muslimische Welt auch, mit ihrer alten, traditionellen Machtstruktur. Diejenigen, die die Macht haben, werden immer versuchen, diese zu bewahren, und wenn das bedeutet, Kritik zu minimieren. Das ist auch in der arabischen Welt so, vor allem in Saudi Arabien und Iran, das sind die beiden totalitärsten Staaten, die wir haben. Weißt du, als ich ein Moslem wurde, wurde mir beigebracht, dass es keine Hierarchie und keine Klassen gibt. Wir haben unsere Propheten, dessen Linie mit Mohammed endet. Und sie wurden von Gott kritisiert, wenn sie Fehler machten. Das heißt, sie standen nicht über der Kritik und wir sollten ihnen zuschauen und von ihren Fehlern lernen. Es gibt ein Kapitel im Koran, in dem ein blinder Mann, (Pause), das ist interessant, (Gelächter). Also, Mohammed will sich mit einer Gruppe Menschen treffen, die sich dem Koran zuwenden wollen. Auf seinem Weg trifft er einen blinden Mann, für den er, weil er glaubt, etwas Wichtigeres zu tun zu haben, nicht seine volle Aufmerksamkeit übrig hat, ja sogar einen etwas genervten Blick aufsetzt. Der blinde Mann merkt das noch nicht einmal, denn er sieht nicht Mohammeds Gesicht ja nicht und geht davon aus, dass Mohammed so gütig ist, wie sonst auch. Doch Mohammed erachtet das Anliegen dieses Mannes, der nach Wahrheit und Gerechtigkeit sucht, in diesem Moment als weniger wichtig als sein eigenes Anliegen und tut nur so, als würde er sich für den Blinden interessieren. Das ist eines Propheten nicht würdig und darüber gibt es eine Geschichte im Koran. Und das sagt mir, dass niemand über der Kritik steht. Es gibt kritische Geschichten im Koran über alle Figuren, die für den Islam ein große Rolle spielen. Sie werden von Gott kritisiert. Und ich denke, dass jeder Einzelne von uns Menschen kritisiert werden muss. Doch die beiden genannten Staaten haben ziemlich verdrehte Versionen des Islam hervorgebracht. Es ist immer bedauerlich, wenn eine Religion in einem extremen, fundamentalistischen Licht erscheint, weil ihre Gläubigen und Führer den Anspruch erheben, dass ihre Religion die einzig Wahre ist.

In unserem letzten Gespräch hast du gesagt, dass es keinerlei Zugang zu den amerikanischen Massenmedien gibt, wenn man über die positiven Seiten des Islam, geschweige denn des Iran, reden will. Inwieweit unterscheidet sich die Zensur pro-islamischer Äußerungen in den USA von den islamkritischen Äußerungen in Iran?
Sie unterscheidet sich gar nicht. Und soweit ich das beurteilen kann, kritisiert Najafi auch nicht allgemein den Islam, sondern einen bestimmten Imam. In der Realität sind wir aber alle Imame. Wir sind nicht alle Imame einer Gemeinschaft im öffentlichen Raum, aber wir sind die Imame unserer Kinder. Imame sind Menschen, die Gebete anleiten. Und die Gebete, die wir gemeinsam sprechen, sprechen wir auch alleine. Als wir Moslems wurden, haben wir unsere Treue nicht irgendeiner Gemeinschaft oder Organisation geschworen, sondern Gott und den Leuten, von denen wir glauben, dass Gott sie erwählt hat, um uns zu helfen, unser gesamtes Potenzial als Menschen zu entwickeln. Aber diese Zeit scheint vorbei zu sein, wenn solch eine Zensur angewendet wird. Beide Systeme sind Systeme der Illusion, um die Menschen an der Macht zu behalten, die an der Macht sind. Jedes totalitäre System arbeitet mit Illusionen. Die Wahrheit ist immer auf der Seite des Volkes. Wenn du dieses System der Illusion offen in Frage stellst, bekommst du Schwierigkeiten.

Fühlst du dich manchmal zensiert?
Sie zensieren uns nicht direkt. Sie sagen nicht frei heraus: „Das kannst du nicht sagen, sonst stecken wir dich ins Gefängnis.“ Oder: „Du kannst diese Platte nicht im Radio spielen. Wenn du es doch tust, wirst du dafür die Strafe zahlen müssen.“ Aber was sie getan haben ist, ein Klima zu produzieren in Amerika, in dem es als unhöflich gilt, sich politisch in Musik zu äußern. Es wird dann sofort als ein Ego-Ding dargestellt. Sie sagen: „Dein Job ist es, mich zu unterhalten.“ Und in der amerikanischen Gesellschaft ist dieser Job nicht sehr populär, du bist nur ein tanzender Bär, ein Clown. Sie stehen dir also gegenüber und denken: „Du fängst an die Gesellschaft zu kritisieren? Das ist nicht dein Job. Was für ein Arschloch bist du?“ Wenn Kanye West zum Beispiel über George Bush gesagt hat, dass er sich nicht für Schwarze interessiere, dann war das in dieser Situation prophetisch, aber alle haben ihn nur geschmäht, er solle sich nicht so aufspielen und seine Klappe halten, nach dem Motto: „Was interessiert mich, was dieser Clown Kanye West zu sagen hat?“ Das hat die grundsätzliche Stimmung erzeugt, dass Musik mit einer Botschaft, oder generell Kunst mit eine Botschaft, als unnatürlich betrachtet wird. Für mich als Indie-Künstler tun sich immer noch genug Räume auf, in denen ich politisch sein kann. Meine Hörerschaft ist noch nicht so riesig, ich kann sagen, was ich denke. Künstler, die mehr im Rampenlicht stehen, laufen immer Gefahr eine gesellschaftliche rote Linie zu übertreten. Kunst und Politik gehören nicht zusammen, und solltest du sie doch zusammenbringen, sagt das etwas Schlechtes über deinen Charakter aus. Das ist ein sehr gefährliches Klima.




Tags:
, , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Jetzt kommentieren!