Deutschrapper gehen wählen! Oder nicht? – Ein Resümee

Deutschrapper gehen wählen! Oder nicht? – Ein Resümee

Beitrag vom 19. Sep, 2009 von in Allgemein

Deutschrap wird erwachsen. Kein “Scheiß drauf” mehr. Kein Anti. Nein: “Ankommen in der Gesellschaft” und “Verantwortung übernehmen”, das sind die Slogans. Sido kennt jetzt alle Parteien und freut sich, dass ihn jemand beim Wählen filmt. Samy dagegen geht zwar nicht wählen, aber diskutiert live im Radio mit dem Kanzlerkandidaten Steinmeier über dessen Zurückhaltung bei Migrationsthemen. Doch diese beiden Vorzeiger-Deutschrapper sind nur die Spitze des Eisbergs. Es haben sich noch einige Rapper mehr zu diesem Thema Gedanken gemacht. Ein Überblick:

1. Geh nicht wählen

Den Anfang in diesem Sommer machte die “Geh nicht wählen“-Kampagne, unterstützt von Massiv, Joe Rilla und Tyron Berlin, die sich ein paar Tage später als “lustige Irreführung” und “gekonnter Marketinggag” entpuppen sollte. Aufmerksamkeit schaffen mit Promis, die ganz überraschend nicht wählen gehen wollen, nur um dann den “ich-geh-doch-Gag” zu zünden. Mal davon abgesehen, dass das Ganze sowieso nur eine dümmliche Kopie der US-amerikanischen “Don’t Vote“-Kampagne war, war die Aktion einfach schwach.

2. Eko geht wählen

… und alle können mitkommen. Der Promovideo-erprobte Sabbelkasper Eko wirkt in diesem so schwergewichtigen Themenfeld der Stadtratswahl doch ein wenig unbedarft und unsicher. Hätte er seine Ansprache mal besser nicht zwischen wässrigem Eiscafé und Boston-Kippe in die wacklige Handkamera gefreestylt, sondern Tacheles geredet, warum man denn nun wählen gehen soll! Dann hätte dieses Video für mich auch nicht diesen schwefeligen Promobeigeschmack, der noch dadurch verstärkt wurde, dass zur Zeit der Veröffentlichung (des Youtube-Uploads) original jeden Tag irgendein One-Shot-In-Die-Cam-Gesabbel-Video des Eksters zum Anlass seiner JGWLMAA-EP veröffentlicht wurde. A day in the life of … Und ich kann seine sonst recht sympathische Fresse nun echt nicht mehr sehen.

3. Blumentopf gehen wählen

Das ist Consciousness pur. Die Hater haten. Und die, die nicht haten, also das mittlerweile erwachsene Nicht-Mehr-HipHop-Publikum, weiß wieder, warum es damals Blumentopf gehört hat. Wer als Rapfan die WM-Raps verknusen konnte, der übersteht auch das hier. Typisch Holunder: Zeigefingerstyles, aber trotzdem irgendwie fresh. Zumindest glaubwürdig und unverkrampft. Mit diesen Attributen waren sie auf jeden Fall die ersten rappenden Wahlpromoter in diesem Jahr.

4. SPD: KANZLERSCHAFT – das geht ab

Mit dem Mut der versteinmeierten Verzweiflung hat die SPD mal etwas ganz Kurioses gewagt: Die sonst so bösen Pornorapper Frauenarzt und Manny Marc wurden von engagierten Wahlhelfern der Partei aus der Mitte gecovert. Der Sommerhit Nr. 1 “Das geht ab” wurde von sozialdemokratischen, rappenden Atzen direkt mal in einen gutgelaunten Wahlkampf-Song umgetextet und neu aufgenommen. Das ist der kreativste und mutigste Wahlkampf-Move bisher gewesen. Sowas kann imagemäßig ordentlich nach hinten los gehen, aber keiner hatte großartige Einwände zu diesem dreisten Schritt. Wirklich alle haben gestaunt. Leider wurde das Video aus Rechtsgründen mittlerweile aus dem Netz entfernt. Seinen Zweck, nämlich ordentlich Welle zu machen, hat es aber erfüllt. Big up.

5. Massiv trifft Cem Özdemir

Für Massiv eine Profilierungsversuch in einem alternativen, aber etablierten Gesellschaftskreis und für Grünen-Chef Cem Özdemir ein Imageverankerung in einer immer noch als jugendlich und rebellisch geltenden Subkultur. Leider arg substanzlos geraten. Die Paarung ist einfach zu ungleich. Cem Özdemir paroliert (ich meine es, wie ich es schreibe!) die naiv-dümmlichen Einwürfe Massivs sehr souverän und ergeht sich nebenbei noch ein wenig in HipHop-Zielgruppen-Schleimerei. Irgendwie traurig, dass bei dieser eigentlich sehr ambitioniert daherkommenden Idee absolut nichts rumgekommen ist. Wo bleiben die kritischen Fragen? Warum werden die Diskussionschancen nicht genutzt? Deshalb oben nur der Trailer.

6. Böse Zungen – Ich bin ein Pirat

Den direktesten Wahlaufruf unternehmen die Rapper der Gruppe Böse Zungen aus Darmstadt. Sie berappen das Wahlprogramm der umstrittenen Piratenpartei. Sie sehen sich selbst als Freibeuter in politischen Gewässern, und machen sich, wie ihre Partei, klar zum Ändern. Das ist wie bei der Porno-SPD ebenfalls sehr mutig. Nicht nur aufgrund des Open Source-Ansatzes der Partei, der im Endeffekt auch kulturelle Güter wie ihre Musik mit einschließt, sondern auch, weil es grundsätzlich mutig ist, in der Öffentlichkeit so offensiv Stellung zu beziehen. Leider ist die Umsetzung derbe schwach. Kickt gar nicht. Zu bemüht, zu wenig Talent, zu viel Pathos.

Fazit

Keiner kann euch befehlen, wählen zu gehen. Tut es oder lasst es, das ist allein eure Sache. Die Aufrufe der deutschen Rapper in diese Richtung sind leider alle ziemlich vorhersehbar geraten. Und sollten sie nicht inhaltlich schwächeln, dann tun sie es in der Umsetzung, oft jedoch beides. Erst dort, wo von außen auf HipHop zugegriffen wird und sich schamlos bedient wird an unserer geliebten und atzigen Subkultur, da wird es spannend. (Ich erspare mir jetzt eine weitreichende und kritische Analyse dieser Symptomatik.) In vier Jahren erwarte ich einfach ein bißchen mehr (wenn man sich die Wahl schon zum Thema machen muss…).

Wer gerne wählen gehen möchte, aber noch nicht weiß, welchen Direktkandidaten oder welche Partei, der sei diskret auf Google und/oder den Wahl-o-maten verwiesen.


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